Die Zukunft der Mediation liegt in der Schokolade!?
17. Februar 2008 | Von Dr. Joachim Simen | Kategorie: Konfliktmanagement & Mediation, Seminare & Veranstaltungen, Wirtschaft & Unternehmen
Vom 15.2. bis 16.2. trafen sich an der Universität Jena über 400 Teilnehmer, vor allem Anwälte, Richter und Juristen, zur Tagung “Zukunft der Mediation”. In diesem Beitrag haben wir bereits darüber berichtet. In Vorträgen und Arbeitsgruppen wurden der aktuelle Stand und die zukünftige Entwicklung der Mediation diskutiert. Wir, Dr. Hansjörg Schwartz und Dr. Joachim Simen, waren mit Vorträgen in Arbeitskreisen und im Rahmen der Podiumsdiskussion aktiv beteiligt.
Neben den vielen positiven Ideen und einigen kritischen Gedanken, die ich hier später noch niederschreiben werde, ist mir besonders die Anmerkung zur Schokoladisierung der Mediation wichtig. Was ist damit gemeint?
Es gibt eine breite Übereinstimmung darüber, dass die Mediation eine ungemein wertvolle Methode zur Regelung von Konflikten ist. Sie bietet nachweislich nicht nur bessere Ergebnisse, sondern auch eine höhere Zufriedenheit mit den Ergebnissen beim Klienten. Auch die Gesetzgebung ist der Ansicht, dass konsensuale Verfahren wie die Mediation Vorrang vor allen streitigen Verfahren haben. Trotzdem erfährt die Mediation noch zu wenig Aufmerksamkeit.
Die Frage ist, wie die breite Öffentlichkeit auf den Geschmack nach Mediation und konsensualen Verfahren kommen kann? Wie kann die Mediation dem Genuss einer Schokolade nahekommen und vielleicht sogar alltäglich werden? Zugegeben, der Bogen ist ziemlich weit. Trotzdem finde ich dieses Bild sehr gut. Notwendig ist es, kundenorientierte Marketing- und Verkaufsstrategien für Mediation zu entwickeln. Dabei geht es meiner Meinung nach nicht vorrangig darum, Informationsbroschüren in Hochglanz oder blumige Beschreibungen des Verfahrens zu gestalten. Entscheidend ist, wie bei potentiellen Klienten das Vertrauen zur Person des Anbieters bzw. des Mediators aufgebaut werden kann. Das ist eine große und spannende Herausforderung, die von keiner Broschüre, Anzeige oder Imagekampagne übergenommen werden kann. Als Mediatoren bauen wir Vertrauen auf, indem wir die Erwartungen, Bedürfnisse und Vorbehalte von potentiellen Klienten gegenüber dem Verfahren und gegenüber unserer Person wahrnehmen und offen ansprechen. Das erfordert Mut und eine angemessene Haltung.
Personen, die sich einem Mediator anvertraut und sich mit seiner Unterstützung in die Mediation gewagt haben, bestätigen mit überwältigender Mehrheit wie wertvoll für sie dieser Schritt war. Vielleicht ist es wie der Biss in eine unbekannte Sorte von Schokolade, die zunächst bitter schmeckt, am Ende aber Genuss und Lebensfreude mit sich bringt.
Viele die Streß und Ärger haben, greifen zur Schokolade, um ihr Gemüt wieder aufzubauen. Und wenn das nicht weiterhilft, dann ist die Mediation auf jeden Fall eine Versuchung wert und macht sicher nicht “dick”. An diesem Bild weiterzuarbeiten, lohnt sich! Sie werden dazu mehr von mir hören.
Haben Sie zu meinem Beitrag eine Idee oder Anregung? Schreiben Sie mir!
Ich freue mich auf den Dialog mit Ihnen.
Dr. Joachim Simen
(Bildquelle: www.photocase.de, Fotograf: farfalla)
hier habe ich Folgendes gelesen:”vor allem…” Nun ich bin weder Anwalt, noch Richter, ich habe aber Mediation als Ausbildung absolviert und finde nun, wie Anwälte Anwälte empfehlen. Das dürfte auch für Mediation gelten, oder? Richter und Anwälte schaffen sich ein 2.Standbein, verdienen gut oder eben nicht? ( deshalb sind wohl Entscheidungen auch oft umstritten, denn was haben Juristen bei Mediationen zu schaffen? Wie darf man einfach Gebühren und Schadenshöhe berechnen?) Anderen Mediatoren wird kaum Chance gelassen, zu wirken, Motto:die haben wsl. e keine Ahnung von gerichtlicher Mediation. Ich finde immer nur gerichtlich, was soll das?! Gibt es unter normalen Menschen nur diese Möglichkeit, was zu klären? Oder, was ich vermute, andere Menschen als Anwälte nimmt man gar nicht ernst, zum Beispiel muß wohl immer, wenn ein Mensch gegen Ämter zu Felde zieht, sogar ein Richter gleichzeitig Mediator sein..Finde ich alles echt unnormal und denke:Richter und Anwälte sollten sich auf ihr Gebiet zurückbegeben, aber anderen Menschen nicht die Arbeit wegnehmen..Andere Form als nur gerichtliche Mediation? Wo kann ICH wirken, der ich nicht Jurist bin?!
Liebe Meike!
Deine Frage, wo du als ausgebildete Mediatorin wirken kannst ohne Jurist zu sein, möchte gerne versuchen zu beantworten.
Meiner Erfahrung nach stehen dir alle Arbeitsfelder der Mediation offen in denen Menschen und Organisationen nach Unterstützung suchen. Kein Gebiet ist verschlossen auch wenn das manche Vertreter einer Berufsgruppe so darstellen. Ich würde sogar sagen, dass diese Vertreter den Sinn und die Chancen der Mediation noch nicht erkannt haben.
Für mich persönlich ist es ein großer Vorteil kein Jurist und kein Anwalt zu sein. Damit habe ich die Möglichkeit unbefangen mit Juristen zusammenzuarbeiten und unseren gemeinsamen Klienten ein breites Spektrum an Erfahrungen und Vorgehensweisen anzubieten. Von meinem Verständnis her arbeite ich immer mit Menschen zusammen und nicht mit Funktions- oder Qualifikationsträgern.
Sicher gibt es auch bei Mediatoren, egal aus welchem Beruf sie kommen, immer noch viele Vorbehalte bezüglich einer kollegialen Zusammenarbeit auf gleicher Augenhöhe und auf der Basis gegenseitiger Wertschätzung. Vertrauen Sie sich selbst und dem Anderen. Sprechen Sie potentielle Kooperationspartner an. Der berufliche Hintergrund ist nebensächlich. Ihr Bauch wird Ihnen sofort sagen können, ob Ihnen ein Mensch gegenüber sitzt mit dem Sie zusammenarbeiten können und wollen.
Gehen Sie zuversichtlich und mutig auf andere Mediatoren auch aus der Anwaltschaft zu. Leben Sie das, was Sie auch gegenüber Ihren Klienten und deren Problemen tun.
Mit freundlichen Grüßen
Joachim Simen
Liebe Meike,
meiner Ansicht nach beißt es sich nicht, wenn ein Jurist auch Mediator ist. Er hat nur dafür Sorge zu tragen, daß er seine beiden Tätigkeiten strikt trennt. Dazu zählt, daß er als Mediator allparteilich und anders als bei seiner klassisch anwaltlichen Tätigkeit gerade nicht parteilich sein darf. Wichtig ist hierbei, daß der Mediator keine eigenen Mandanten mediiert. Denn auch wenn er sich vornimmt, allparteilich zu sein, wird er höchstwahrscheinlich scheitern. Der Mandant erwartet, daß sich der Mediator als „sein“ Anwalt im entscheidenden Moment auf seine Seite schlägt. Wird der Mediator dieser Erwartung nicht gerecht, wendet sich der Mediant wahrscheinlich enttäuscht ab. Oder der Mediator wird im Laufe des Prozesses doch parteilich und vergrault so den anderen Medianten.
Auch unabhängig von der Frage der Klienten muß der „anwaltliche Mediator“ darauf achten, in seiner ganzen Vorgehensweise nicht juristisch zu denken und zu handeln. Als Jurist ist er gewohnt, Lösungen zu suchen. Als Mediator hat er sich aber gerade mit Lösungen zurückzuhalten, damit die Medianten ihre eigenen Lösungen finden.
Was die Frage nach dem Verdrängungswettbewerb anbelangt, so sehe ich das anders. Unabhängig davon, daß ich nichts von dem Ruf „Juristen zurück in die juristischen Berufe“, „Pädagogen zurück in die pädagogischen Berufe“, „Psychologen zurück in die psychologischen Berufe“, „Sportwissenschaftler zurück in die sportbezogenen Berufe“, etc. halte, gibt es ausreichend Fälle, für die ein Mediationsverfahren in Betracht käme. Wichtig ist, daß in der Bevölkerung die Möglichkeit der Mediation bekannter wird. Hierzu bedarf es noch an sehr viel Aufklärung. Den besten Beitrag leisten erfolgreich durchgeführte Mediationen, die dazu führen, daß zufriedene Medianten anderen von dem Verfahren berichten.
Ich sehe das ein wenig wie Kollege Dr. Simen: treten Sie in Kontakt mit anderen Mediatoren aus allen Bereichen und urteilen Sie dann im Einzelfall, mit wem Sie sich eine Zusammenarbeit vorstellen können.
Mit freundlichen Grüßen,
aXel Brodehl
[...] haben Juristen bei Mediationen zu schaffen?”, fragt eine Kommentatorin des Mediationsblogs von Dr. Simen und fordert: “Richter und Anwälte sollten sich auf ihr Gebiet zurückbegeben, aber anderen [...]
[...] Sie trifft genauso wenig zu wie die gegenteilige Auffassung einer Kommentatorin auf dem Blog von Dr. Simen, die verlangt, Anwälte sollten sich aus der Mediation völlig [...]
Hallo Herr Dr. Simen,
zufällig fand ich Ihren Schokoladenstandpunkt auf dieser Seite. Ich war auch Teilnehmerin in Jena und hatte den Eindruck die Welt der Mediation wird von den Jurísten gepachtet, nicht zuletzt durch Niedersachsens Vorpreschen mit der Verordnung. aber vergessen wir nicht, der Tag war von einer namhaften Versicherung und der rechtswiss. Fakultät Jena gesponsort/ausgestattet. Ich selbst bin Wirtschaftsjuristin (FH) und demnächst Sozialpsychologe. Ich sehe die Mediation für mich als Chance, auf diesem Gebiet zumindest teilweise selbständig tätig zu werden, was mir als Jurist verwehrt ist. In Bezug auf den Artikel von Meike kann ich nur sagen, bloß nicht verrückt machen lassen. Die Juristen haben keinen leichteren Zugang, bessere Mediatoren zu sein. Die Mediationsausbildung vermittelt Handwerk in Kommunikationstechniken und erläutert besten Falls ein Konfliktmodell (meist das NeunStufenModell nach Glasl 1995). Zudem kommt, wie Sie richtig schreiben dazu, dass der Jurist sich entgegen seines gewohnten Tuns zurücknehmen muss in der vermeintlichen Falllösung. Ich selbst habe Konfliktgenese und Konfliktbewältigung im Magisterstudiengang inhaliert, was weit über die 90 Stunden-Ausbildung der Mediation (DAA) hinausgeht. Zu erkennen, ob ein Konflikt der Mediation zugänglich ist oder nicht, erfordert meist mehr als nur die Tatsache, dass ein Konflikt vorliegt.
Aufgrund des zähen In-Gang-Kommens mediativer Fälle, wird es anfangs wahrscheinlich viele Versuche geben, mit der Mediation jeden Konflikt zu meistern. Doch so ist das nun Mal, erst wenn etwas wächst, kann es erzogen werden. Das sind die Praxisfälle, die die Wissenschaft unbedingt braucht, um die Praxis zu entwickeln.
Ich erarbeite gerade in einer Hausarbeit die Thematik, was potentielle Medianden (=Medianten) vom Mediator erwarten. Es zielt in die Richtung, wie man Führungsqualität untersucht, also ob bestimmte Eigenschaften oder/und Verhaltensweisen erforderlich sind. Nicht zuletzt finde ich es spannend, ob der Mediandus wirklich einen Mediator mit jur. CV haben möchte.
Wenn Jemand hierzu Anregungen für mich hat, würde ich mich freuen.
Schönen Sonntag. A.Huebel